"Ein Augenoptiker-Seminar-Erlebnis der besonderen Art"
oder "Prismen bei Bauchschläfern?!"


Berlin- Charlottenburg im Queen-Hotel, 6. Stock, Raum Viktoria am 16.10.2005:
Ein Seminar "Binokularprüfungen" von Carl Zeiss.
Referent ist der Diplom-Ingenieur für Augenoptik Benjamin Walther aus Leer
(www.DerAugenoptiker.de)
Nach ausführlichen Behandlungen der theoretischen Hintergründe meldet sich sehr spontan
und freiwillig der erste Proband: Herr C.O., ein Kollege aus Berlin.

Wir beginnen, so wie Minuten vorher noch propagiert, mit dem ersten Punkt
der 12-teiligen Augenglasbestimmung, der Anamnese:
Herr O. schildert, dass er bei längerem intensiven Lesen den Eindruck gewinnt,
dass die Augen irritiert sind. Punkte sind schlecht anzugucken,
linksseitiges Kopfweh hat er öfters.

Bei seiner älteren Brille hatte er das Prisma gleichmäßig verteilt,
was aber sehr schnell zu Kopfschmerzen führte.
Seine während des Seminars getragenen Brillenwerte:
Ferne R: -0,5 -0,5 160°
Ferne L: -0,25 -0,5 15° Prisma 2 cm/m Basis 180° (innen)
Die Brille sah optimal angepasst aus und wir setzten voraus,
dass die optischen Bezugspunkte optimal vor den Augen zentriert waren.

Problemstellung:
1. Kann es sein, dass sogar ein Augenoptiker (wie viel mehr dann Endverbraucher!)
eine nach MKH ("Meß- und Korrektionsmethode nach Hans-Joachim Haase",
mehr Infos unter www.IVBV.org) ermittelte Prismenwirkung
"nur einseitig eingesetzt" verträgt?

2. Kann es sein, dass es "Prismenunverträglichkeiten" gibt, obwohl die Messwerte
"korrekt nach MKH" ermittelt wurden - und die Unverträglichkeit nur mit der
"Prismen- Verteilung" zu tun hat?

3. Wenn Fragen 1 und 2 mit "ja!" beantwortet werden müssen, wie können "prismen-
messende Augenoptiker" sich vor solchen Unverträglichkeits- Zuständen schützen?

Meine erste Reaktion ("aus dem Bauch heraus", da mir noch keine bessere Idee kam):
Ich halte Herrn O. vor das rechte Auge beim Blick in die Ferne ein Prismen- Meßglas
mit dem Wert "2 Prismen" in Richtung Basis außen (!) und zeitgleich vor sein linkes Auge
ein zweites Prismen-Meßglas mit dem Wert "2 Prismen" in Richtung Basis innen:
Herr O. gibt sofort an, dass es ihm subjektiv angenehmer sei,
trotz der wahrgenommenen Kontrastverschlechterung.

VOLLTREFFER!

Als ich ihm, um das Ergebnis noch zu bestätigen, kurz darauf zeitgleich
vor das rechte Auge 2 Prismen Basis innen und vor das linke 2 Prismen Basis außen
davorhielt, schloss er spontan die Augen und wendete hinter den Messgläsern
das Gesicht weg und gab starkes Unwohlsein an.

Erläuterung:
Durch die erste vorgehaltene "Prismen-Kombination" (R: Basis außen und L: Basis innen)
wurde die "Zyklopen-Auge-Blickrichtung im Verhältnis zur Kopfhaltung" geändert
- er musste "mehr nach links gucken anstatt nach geradeaus": siehe Grafik!

roter Pfeil: seine Blickrichtung OHNE die vorgehaltene erste Prismen-Kombination,
grüner Pfeil: seine Blickrichtung MIT der ersten Prismenkombination
(R. Basis außen, L: Basis innen)


Herrn O. wurde durch diese erste Prismenkombination eine
KOPFHALTUNGSÄNDERUNG ermöglicht bei zeitgleichem weiteren Fixieren des zu
betrachtenden Objektes (wir arbeiten bei allen solchen Problemfällen mit
unterschiedlichsten BILDERN aus dem täglichen Leben, - dargeboten im
Polatest-E2-Gerät von Carl Zeiss. Mehr Infos dazu in Seminaren: www.DasSehen.de).

Herr O. bekam die Möglichkeit, seine KOPFHALTUNG zu ändern,
ohne seine BLICKRICHTUNG ändern zu müssen. Anders ausgedrückt: Bei der ersten
Prismenkombination springt das Bild, der Herr O. sieht, mehr nach links:
Er muß/kann entweder den Blick mehr nach links wenden, und/oder den Kopf
mehr nach rechts drehen.
Seine sofortige Reaktion: "Schon viel besser. Ich sehe schon viel klarer!"
Noch anders ausgedrückt: Durch die beiden vorgehaltenen Prismen-Kombinationen wollte
ich herausfinden, ob es eine Richtung gab, in die Herr O. LIEBER seine
Kopfhaltung-Blickrichtung ändern wollte.
Durch die zweite vorgehaltene Prismen-Kombination (R: Basis innen, L: Basis außen)
wurde das zu betrachtende Objekt mehr nach RECHTS gerückt, Herr O. musste/konnte
also den Blick mehr nach RECHTS wenden, bzw. den Kopf mehr nach LINKS drehen:
Dies war ihm WESENTLICH unangenehmer als die erste Variante.

Ergebnis:
Diese zwei Handgriffe (zwei vorgehaltene Prismenkombinationen, von denen Herr O.
ja nicht wusste, was ich da vor seinen Augen hantierte!) zeigten binnen 1 Minute,
dass es TATSÄCHLICH so war,
dass Herr O. LIEBER die ganzen Prismen Basis innen trug als verteilt.

Herrn O.'s spontaner Kommentar, als ich den Seminar-Teilnehmern
dieses erste Zwischen-Ergebnis erläuterte, war:
"Das hat mir bis heute kein Meister abgenommen - und ich habe schon etliche
danach gefragt; die haben immer nur alle gesagt: "Das kann gar nicht!".
Und ich habe es ja bei mir SELBER gemerkt, - weiß also, dass es KANN,
weiß aber nicht, WIESO!"
Seine Beobachtung an sich selber schilderte er so, dass er mit "verteilten Prismen"
schlechter gucken konnte bis hin zur Brillenunverträglichkeit.
Herr O. gab danach an, der Hauptgrund für den Besuch des Seminars sei gewesen,
diese Frage beantwortet zu bekommen.

Ohne ihm schon die Frage beantworten zu können, aber froh über das erste
Zwischenergebnis, machten wir weiter mit unserer Augenglasbestimmung;
Teil 2: Visus-Messung mit alter Brille:
R, L jeweils 1,25 mit je einer Zahl verkehrt (nach Edi Posch: "Visus 1,23")

Beim Amsler-Test (den wir nach der Entdeckung eines Gehirntumors mittels einer
Amsler-Tafel bei JEDEM Probanden durchführen - mehr darüber in einem
späteren Artikel und demnächst auch unter www.Augenglasbestimmung.de)
wurde schon die schlechte Tränenfilmqualität sichtbar:
ein weiterer Grund für Seh- Schwierigkeiten!

Außerdem:
Achtung böse Falle bei Kreuzzylinder-Methode!

Die mobile Spaltlampe zeigte dann einen stark ölhaltigen Tränenfilm,
- wir tropfen in solch einem Fall IMMER künstliche Tränen,
um das Messergebnis der subjektiven Augenglasbestimmung zu optimieren.
Mit dem direkten Ophthalmoskop betrachteten wir beide Papillen und konnten
keine Auffälligkeiten erkennen.
Ebenfalls mit direkter Ophthalmoskopie konnten wir sehen, dass er beidseits
zentral fixierte (also war es keine Frage des fehlenden Nahzusatzes;
dass er Jahrgang 1965 war, stellten wir erst später im Gespräch fest,
als es um die Frage der Addition ging)

Unser nächster Punkt in der Augenglasbestimmung vor Binokular-Prüfungen
ist die Skiaskopie:
Wir ermittelten beidseits einen schwachen astigmatismus rectus, L mit minimaler
zusätzlicher Myopie kombiniert - beide Werte ÜBER die alten Brillenwerten skiaskopiert.
Die sich anschließende Prüfung des Pupillenreflexes ergab keine Auffälligkeiten,
beim cover-uncover-Test ermittelten wir eine Blickverschiebung nach innen unten.
(Erster Hinweis auf HÖHEN-Komponente war gefunden!)
Der danach durchgeführte Motilitätstest offenbarte, dass sein LINKES Auge besser
konvergieren konnte als sein rechtes - (am Ende des Artikels wird es klar, wieso!).
Beim letzten Test, dem "near-point-Test" wurde es bestätigt,
dass sein linkes Auge stärker konvergiert als das rechte.

Bis zu diesem Zeitpunkt stand nur fest: Hier ist ein Mensch, der eine Gesichtsfeld- bzw.
Blickfeld-Verschiebung um den Betrag von 2 cm/m in EINE Richtung trotz der
Kontrastminderung durch zwei zusätzliche vorgehaltene Meß-Brillengläser
(entspiegelte natürlich!) als VERBESSERUNG empfindet,
und in der entgegengesetzten Richtung stark ablehnt.

Es schloß sich die "normale subjektive Augenglasbestimmung mit MKH" an,
was zu folgenden Ergebnissen führte:

Ferne R: -0,5 -0,5 68° bei einem Visus von nach wie vor 1,23
Ferne L: -0,5 -0,25 20° Visus 1,54.
MKH Ferne-Nähe ergab 2,5 Basis innen und rechts 0,5 cm/m Basis oben.

Bei der Additionsmessung fiel auf, dass er für denselben Nahpunkt-Abstand R
eine Addition von 1,0 benötigte, und L nur 0,75
(Achtung bei Gleitsichtgläser-Bestellungen: bei ungleicher Addition muß auf
unterschiedliche Mittendicken-Reduktionsprismen geachtet werden,
damit nicht ein UN-gewolltes Höhenprisma resultiert!).

Erklärung:
Da Herr O. den Kopf "lieber nach rechts drehen möchte als nach links",
muß das rechte Auge beim in-die-Nähe-Gucken ja einen WEITEREN Weg
("mehr nach links hin") zurücklegen als das linke ("weniger nach rechts hin")
- daher der erhöhte Additionsbedarf!

Angesichts des Alters und meiner Vorliebe für Gleitsichtgläser empfahl ich Herrn O.
die Anfertigung einer prismatischen Gleitsichtbrille mit diesen Werten
- angepasst mit Video-Infral®.

Je länger ich mir Herrn O. anguckte während der Augenglasbestimmung
und des Gesprächs, desto mehr fiel mir auf, dass seine Kopfhaltung "auffällig" war
- er tendierte mehr nach R als nach geradeaus.
Da ich bis zu dem Zeitpunkt nur wusste, dass ihm die gleichmäßig verteilten Prismen
unangenehmer waren als alles auf dem linken Glas, war mir klar, dass es die
KOPFHALTUNGS-ÄNDERUNG war, die ihn "nervte".
(Alleine die Differenz von EINEM Prisma (R, L je eins statt 2 auf dem linken!)
genügte schon, um bei ihm zur Brillen-UNVERTRÄGLICHKEIT zu führen!)

Im Anschluß an die Messungen und im "lockeren Nachgespräch" nach der absolvierten
Augenglasbestimmung, sprach ich seine Kopfhaltung NOCHMALS an,
- erwähnte auch die Akkommodationsinffuzienz R, und dass seine Haupt-Blickrichtung
eher nach rechts tendiere, - und fragte, ob er WIRKLICH keinen Unfall gehabt,
oder vielleicht eine Nacken-OP oder mal ein Schleuder-Trauma mit Halskrause
oder so was - mir sei halt nur sein Nacken und seine Kopfhaltung aufgefallen
- da sei etwas anders als sonst, was ich aber noch nicht durchschaut hätte.

DANN machte uns Herr O. darauf aufmerksam,
dass er seit vielen Jahren Bauchschläfer sei, und immer auf der LINKEN Wange
schlafen würde (also Kopf nach RECHTS gedreht!).
Herr O. informierte uns weiterhin, dass er im Fernsehen gehört habe,
dass Bauchschläfer ab 40 Jahren Nackenprobleme bekämen…
DAS war "des Pudels Kern" - sein Bauchschläfertum bescherte ihm eine Kopfhaltung,
die stärker nach R orientiert ist als nach L, und deshalb die einseitige Prismen-Präferenz.

 

Um IHNEN, verehrte Leser, diese Erfahrung und dieses Erlebnis zu gönnen,
bat ich Herrn O., doch zu berichten, wie es ihm mit der neuen Brille ergangen sei.
Hier sein eMail-Original-Ton:


"Als Erstes wollte ich Ihnen ein großes Kompliment für dieses gelungene Seminar machen!
Ich finde, Sie haben es großartig verstanden, Refraktion als Erlebnis darzustellen
und der Funke ist -zumindestens auf mich- voll übergesprungen!
Ich habe in der Zwischenzeit schon etliche Kunden auf Prismenkorrektion untersucht
und das macht richtig Spaß!
Da ich ja das Glück hatte, als Proband Ihre Refraktion zu erleben, kann ich mir jetzt
auch viel besser vorstellen, was der Kunde erlebt,
wenn die einzelnen Tests durchgeführt werden.
Also ich bin jedenfalls auf den Geschmack gekommen…

Ich fände es spannend und wäre einverstanden, wenn Sie in der DOZ über
unseren/meinen Fall berichten möchten.
Wenn ich die neuen Gläser trage, werde ich Ihnen sofort davon berichten."

Nach Urlaubs-bedingter Verzögerung
kam dann das eigentliche Brillen-Reaktions-eMail:


"Hier ist mein Erfahrungsbericht mit der neuen Gleitsichtbrille,
die ich jetzt seit ca. zwei Wochen trage:

Spontan hatte ich ein sehr entspanntes, angenehmes Gefühl,
als ich die Brille das erste Mal aufsetzte.
Ich sehe so brillant wie noch nie, ganz besonders, wenn es dunkel ist.

Außerdem habe ich den Eindruck,
als ob meine Nackenverspannungen nachgelassen haben, unter denen ich sonst
häufig zu leiden hatte.
Mit der Fernkorrektion bin ich super zufrieden,
also vielen Dank für diese tolle Verordnung.
Im Nahbereich bin ich nicht ganz so begeistert. Ich komme im Laden und am PC gut klar,
auf der Straße beim laufen stören mich die unscharfen Bereiche etwas.
Ich glaube, dass ich mich damit arrangieren könnte,
wenn ich wirklich auf die Addition angewiesen wäre.
Weil ich aber im Nahbereich (noch) prima ohne Addition zurechtkomme, überwiegt für
mich der Nachteil der Unschärfe den (noch unmerklichen) Vorteil im Nahbereich.
Als nächstes werde ich mir daher nicht noch eine zweite Gleitsichtbrille machen,
sondern eine reine Fernbrille mit der neuen Prismenkorrektur."


Quintessenz:

Bei ALLEN Augenglasbestimmungen sollten auch KOPFHALTUNG und eventuelle
Auffälligkeiten beobachtet werden, um sie dann später gezielt untersuchen zu können.
Nur durch eine liebevolle und extrem gründliche Augenglasbestimmungen können
dann solche Unverträglichkeiten, wie in diesem "Fall" beschrieben, vermieden werden.
(Es gibt ja noch mehr Bauchschläfer in Deutschland… )